wolfsgeheul.eu vom 01.11.2015

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Mein rätselhafter „Freund“ Dollase(s. Kolumne vom 02.10.2015) berichtet in der FAZ vom vergangenen Freitag über das „Einstein“ in St. Gallen. Ob es sich bei den beschriebenen Gerichten tatsächlich und ausschließlich um Essen handelt, bleibt wie so oft teilweise unergründlich.

„Mit …..Schweinebauch, einem Sauerampfereis oder einem Kefir-Espuma wird das zum wohlstrukturierten Ereignis en miniature – Slow Food sozusagen, aber hier einmal wirklich so, wie es sein sollte, als Sog sich wie von selbst ergebender Konzentration, weil die Hand des Meisters so prächtige Verläufe und Räumlichkeiten schafft.“. „Hier wird ein ausgeweitetes aromatisches Verständnis vorgeführt, das nicht nur vordergründig ins mediterrane Fach geht, sondern auch einen Hauch erfrischender Säure entwickelt, die in der Lage ist, alle beteiligten Elemente umzufärben.“. „Man schmeckt Zusammenhänge, Distanzen zum Original und die aromatischen Varianten.“. „Alle drei sind exzellent und öffnen den Weg zu gründlich variierten Bildern: ins asiatisch-herzhafte, ins maritim-jodige und ins, sagen wir: japanisch-ländliche.“. Und zu guter Letzt hat „Eines der Gerichte ….den Titel…..“.

??????????. Der hat sie doch nicht mehr alle! Oder spricht hier nicht ein gestelzter Dummschwätzer, sondern ein allen und allem entrückter Genius zu uns?

Man wünscht sich, daß Dollase einmal eine beliebige Uni-Mensa testet. Das könnten wir vielleicht verstehen!?

Wie würde ein solcher Bericht wohl aussehen?

„Vor einem Monat übernahm Chefkoch Horst Schlemmer, der schon in Münster, Göttingen und Marburg gekocht und dort überall und durchgehend mit zwei Sternen im Bafög-Mensaführer des Deutschen Studentenwerkes seine Spitzenrolle unter den Kantinenwirten bewiesen hat, die Universitätsmensa der altehrwürdigen Alma Mater zu Heidelberg. Sehnlichst erwartet von den Studiosi, die jahrelang unter Heinz Schipanski gelitten hatten, der schon in der berüchtigten Haftanstalt Santa Fu nur unter Polizeischutz seinen Dienst verrichten konnte. Ein krasser Widerspruch zu der ansonsten so rennomierten Universität.

Der Speisesaal überzeugt mit seiner unprätentiösen, eher kargen Ausstattung. Hier soll nichts vom kulinarischen Genuß ablenken. Auf harten Formholzstühlen, ungepolstert mit braunem Stoff von speckiger Textur bespannt, der an die pittoresk verschmierten Hinterteile edler Limousin-Rinder erinnert, sitzen die studentischen Genießer und diskutieren lebhaft jede noch so kleine Nuance der Schlemmerschen Kochartistik. Als da wären:

Das Eintopfgericht trägt den Titel „Dialog von Erbsen und sauren Nierchen mit niedertemparaturgegartem Aufbackbrötchen von Knack&Back“, ein Gedicht, das uns nicht nur gedanklich in den Weiten der Gulaschkone baden läßt und olfaktorisch mit leichten Zwiebelnoten und kontrapunktisch gesetzten Specktönen einen wohlklingenden Akkord von Deftigkeit und Neuseeländischer Wanderromantik auslöst, sondern auch in den Tiefen der Gourmandeingeweide lange fröhlich nachhallt und die Umwelt in angemessen massiver Weise an der edlen Speise und ihrem Werdegang teilhaben läßt. Der Gott der lauten Küche, Thor, hätte seine Freude, schwebte er durch die Flure der Heidelberger Studentenwohnheime.

Auch die vegetarische Kreation „Zuccini-Kartoffel-Möhren-Triptychon“ mit Sauerteigbrotbeilage der bekannten Feinbäckerei Lieken überzeugt in ihrer angenehm breiigen Konsistenz, breitet den Aromenfächer aus und deckt alles mit einer dezenten Liebstöckelnote – endlich wagt sich wieder einmal ein Meister der Großküche an dieses zu Unrecht lange verfehmte, genauso diffizile wie in seiner mystischen Kraft überraschende Gewürz heran – zu, um dem filigranen Gemüsestudenten die Nahrungsaufnahme so ruhig und unaufgeregt wie möglich zu gestalten. Ein Volltreffer für die Zielgruppe! Da merkt man die kundige Hand des einfühlsamen Sternekochs, den die Studierenden schon jetzt liebevoll „Mutti“ nennen, wohlwissend, daß die eigene Mutter niemals dieses Niveau in der häuslichen Küche erreicht hat. Da ist der Wunsch der Vater des Nicknames!

Den Höhepunkt stellt die „Rindswurst im Curry-Tomatenmus-Mantel mit gerösteten Kartoffelbausteinen unter einem Windhauch Natriumchlorid der Manufaktur K+S und Sauce Colognèse“ dar. Die fein herausgearbeiteten Röstaromen der bekannt guten, auf den dunklen Höhepunkt gegarten Hertha-Wurstkreation lösen im Mund und anderswo geradezu orgiastische Eruptionen aus, ganz zu schweigen von der hinreißenden Optik in verwaschenem Schwarz-Rot-Gold – eine gelungene Reminiszenz an das Land ihrer genialen Erfinder – , die bauhausgleiche Räumlichkeit der puren Kartoffel, die trotz des ausschweifenden Ölbades nichts von ihrer vornehmen Gespreiztheit verloren und einen geradezu mallorquinischen Teint entwickelt hat, der zwischen glänzendem Gelbgold und einem subtilen Schwarzbraun wie ein tranchiertes Chameleon aus der gußeisernen Pfanne changiert, und einem weiß-roten Saucengeflecht aus dem Delikatessenhaus Kraft welches einem alle Variationen dieser althergebrachten Köstlichkeit in moderner Interpretation am Gaumen verschmelzen läßt, als gäbe es kein Morgen. Heidelberg sehen und sterben!

Alle Gerichte werden in deftigen Portionen gereicht, damit den wißbegierigen Kopfarbeitern nicht der Saft ausgeht. Wer hier den Gürtel enger schnallt, ist selber schuld!

Das alles wird abgerundet von herrlich einfachen Suppen- und Dessertkreationen, wie der unübertrefflichen Zwiebelconsomé von Knorr, der Schlemmer mit Kräutern der Provence und einem Spritzer Zitronenkonzentrat aus bekannt fremder Herstellung eine mediterran-asiatische Breitseite und ureigene Einzigartigkeit verpaßt, oder einem Dialog von feinem Yogurt-„Espanthère“ – dagegen ist der Standard-Schaum betonschwer – und sanft blanchierten Sägespänen, einer Novität des Traditionshauses Bauer, bei dem es sich der mirakulöse Maître nicht nehmen läßt, dem an sich schon starken Süßtraum mit einer beinahe scherzhaften „infusion d’arome de fraise“ aus der Kaiserstadt Aachen einen Kick zu geben, der selbst hartgesottene Schlemmermäuler – wie Horst übrigens keckerweise und mit großartiger Selbstironie seine Gäste nennt – in selige Trance versetzt.

Serviert wird alles auf einem rechteckigen, grauen „assiette togo“, der in seiner Einfachheit und wegen der rätselhaften Facheinteilung an antike Brettspiele erinnert und von den Studenten so verehrt wird, daß sie es sich nicht nehmen lassen, ihn höchstselbst in, neuzeitlichen Kultgegenständen ähnelnden, edelstahlmatten Boxen abzustellen und dann dem verdienten Bade zuführen zu lassen.

Unterstützt von einem kundigen, angenehm wortkargen Service, der sich immer dezent zurückhält und im Gastraum niemanden stört, ist die Heidelberger Mensa mit Fug und Recht zum Mekka der studentischen Gourmetreisen geworden. Mal sehen, in welche Sphären der Küchengott Schlemmer noch vorstößt. Der Zenit scheint noch nicht erreicht, aber ein Platz im Olymp unter mir dürfte ihm sicher sein.

Seid beneidet, Heidelberberger Studentenschaft! Wir haben damals an der Kunstakademie Düsseldorf noch die Ravioli kalt aus der Dose gefressen. Wer aber wie ihr bei Schlemmer ißt, braucht nicht nur halbherzig zu studieren. Er kann sich viel früher als ich dem reinen Essen zuwenden, zu Fuß über den Neckar wandeln und sich fortan an seiner eigenen, nur dem absoluten Kenner sich erschließenden Sprache ergötzen und dem Letzten, dem Göttlichen öffnen. Die Welt soll meiner gedenken, wenn sie morgen ihre vielleicht letzte Notdurft verrichtet. Mehr davon! Oder, wie der Franzose sagt: „Merde alors!“. J. D.“

Und, liebe FAZ, wenn der Dollase nicht aufhört, höre ich auch nicht auf!

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

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wolfsgeheul.eu vom 02.10.2015

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Früher war alles besser! Manchmal schon!

Sehr gerne habe ich in jüngeren Jahren Restaurantkritiken gelesen. Auch wenn ich mir ein Essen in den dort beschriebenen Lokalitäten zum Teil gar nicht hätte leisten können oder wollen, hat die Lektüre nicht nur die Sinne für die Kulinarik geschärft und damit die Bedeutung der Ernährung jenseits der profanen Nahrungsaufnahme hervorgehoben, sondern einfach auch Lesespaß bereitet. Da waren amüsante und oft humoritische Schreibkünstler wie Wolfram Siebeck am Werke, die es, ohne Schaum vor dem Mund zu haben oder von oben herab zu dozieren, vermochten, daß einem das Wasser im Munde zusammenlief und es einem ein amüsiertes Lächeln in die Mundwinkel schnitzte. Die Artikel waren im wahrsten Sinne ein amuse bouche! Selbst flapsige Kritik, wie von Armin Diel oder in den Anfängen vom Gault Millau praktiziert, hatte für sich genommen ihren Reiz, mochte sie noch so überzogen sein. Und daß Diel es – wenn ich mich recht erinnere – sogar geschafft hat, daß eine komplette Kammer mit den Parteien und ihren Anwälten einen Ortstermin in dem Restaurant des gegen seine Kritik klagenden Wirtes  abgehalten hat, ist doch eine herrliche Geschichte. Der Kläger schloß nach verlorenem Prozeß die Pforte und ließ damit keine Fragen offen.

In meiner Leib- und Magen(verstimmungs)zeitung FAZ schreibt aber nun seit Jahren Jürgen Dollase, von dem ich bis heute nicht richtig verstanden habe, was ihn eigentlich einst zum Gastrokritiker qualifizierte und legitimierte. Sein hochtrabend klingendes, pseudoakademisches Geschwurbel jedenfalls läßt mich auch nach genauerer Lektüre meist ratlos zurück. Immer wieder aber fange ich mutig an, seine Artikel zu lesen, doch dann sterbe ich in der überwiegenden Zahl der Fälle ab. Das schlimmste Manko seiner Kolumnen scheint mir dabei die nahezu vollständige Abwesenheit von Humor zu sein. Der selbsternannte Gourmetkritiker-Gott spielt in seiner eigenen Welt und stelzt sich pfauengleich durchs mühsam und ohne jede Leichtigkeit von ihm aufgetürmte Fremd-und Fachwörterdickicht. Ganz da von „dollasen“ kann ich gleichwohl nicht. Ich rege mich ja auch manchmal gerne auf.

Und so ist mir nicht entgangen, daß der alte Krautrocker heute in der FAZ den Vogel abschießt. Unter der Überschrift „Küchenqualität ist keine Setzung“ versucht er sich grob gesagt an der wahnsinnig überraschenden und bedeutenden These, daß „Lieblingsrestaurant“ nicht automatisch mit „Spitzenrestaurant“ gleichzusetzen ist. So weit, so richtig! Nur, hat das jemals irgendwer behauptet!?

Das tollste Restaurant ist doch nichts wert, wenn man sich dort nicht wohlfühlt. Und dabei spielen die Existenz bzw. die Anzahl von Sternen eine absolut untergeordnete Rolle. Wie gerne äße ich häufiger im so angenehmen wie schmackhaften „Siebelnhof“ beim genialen und kreativen Alleskönner Erich Steuber, dem Erfinder der gehobenen regionalen Küche, den ich das Glück hatte, schon in früher Jugend kennenzulernen und zu genießen. Oder: Neulich war ich mit meiner Tochter beim großartigen Mittags-Menü im aachener „La Becasse“ und hörte, wie der Chef, Christof Lang, am Nachbartisch eine Runde zweier vornehmer, älterer Ehepaare auf gute rheinische Art „Na, seid ihr satt geworden“ fragte. Diese herzliche Einsternebehandlung dürfte doch in jedem Falle einer steifen Dreisterne-Anfrage im Stile von „Haben die Herrschaften gut gespeist?“ vorzuziehen sein!? Selbst wenn im Highend-Bereich alles noch ein bißchen besser gegart und gewürzt – ach nein, „aromatisiert“ – ist, heißt das doch noch lange nicht, daß ich dort eine bessere und angenehmere Zeit verbringe. Ganz abgesehen einmal von den immensen – zumeist zwar berechtigten – Mehrkosten, die hier und da geeignet sind, daß einem die Köstlichkeiten im Halse stecken bleiben! Und hat Dollase(Jahrgang 48) eigentlich jemals darüber nachgedacht, daß im Alter nicht nur der Hör-, sondern auch der Geschmackssinn nachläßt? Das ist eben die Tragik des Lebens, daß man sich Sterneküche genauso wie den Porsche, die Edel-Nutte und die Burmester-Hifi-Anlage meist erst leisten kann, wenn die gebotenen Spitzen und Nuancen gar nicht mehr ausreichend und umfassend wahrgenommen und gewürdigt werden können.

Und noch eines, Dollase! Daß sie zum Lachen in den Keller zu gehen, vollkommen abgehoben und nichts begriffen zu haben scheinen , offenbart sich an Sätzen wie „So liegt es nahe, dass der Freund einer bestimmten Imbissstube nichts lieber isst als „seine“ abendliche Currywurst mit Pommes Frites und Mayonnaise und dass ihn schon angesichts der Bilder von Gerichten der Spitzenküche das Grausen packt. Bei einem solchen Mangel an kulinarischer Sozialisation ist es sogar wahrscheinlich, dass die Probe aufs Exempel das Vorurteil bestätigt. Eine im Kern fast rohe Makrele mit Algen hat unter solchen Umständen gegen die Pommes keine Chance.“.

Da fühle ich mich angesprochen. Wenn ich in meiner kargen, griechischen Imbißbude vom lieben Petros das beste Gyros Aachens serviert bekomme, dann ist das ein kulinarischer Genuß. Und mich packt dabei das Grausen nicht, wenn ich an Spitzenküche denke, sondern eher an „Spitzenkritiker“. Und ein Steckerlfisch im gepflegten bayerischen Biergarten ist mir wahrscheinlich genauso viel wert wie – ich habe es noch nicht gekostet –  ein ungegartes mit Algen umgarntes Exemplar. Dabei fühle ich mich trotzdem ausreichend kulinarisch sozialisiert.

Enden tut der Dollase-Erguß – vielleicht auch eine Ersatzhandlung!? – mit „Die beliebigen, unreflektierten Bewertungen von Restaurantqualitäten gehören nicht in Medien, die damit werben, dass sie für ein anderes Denken stehen.“. Da drängen sich doch zwei Fragen auf. Gibt es auch eine gehobene und reflektierte Beliebigkeit? Und, steht die FAZ wirklich für ein anders Denken?

Dollase, setzen!

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

 

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