wolfsgeheul.eu vom 24.08.2016

3
1

Warum steigen eigentlich unsere Krankenkassenbeiträge ständig? Altes Thema(s. auch Kolumne vom 26.10.2015) – neu aufgelegt!

Heute mittag habe ich nämlich endlich die Schuldige gefunden. Meine Briefträgerin! Nach meinem Dafürhalten maximal Mitte vierzig, bei Wind und Wetter auf dem Elektrofahrrad unterwegs, fröhlich, freundlich, gesund erscheinend und noch eine der alten Verbeamteten. Wochenlang hatte ich sie nicht gesehen, als ich sie nun wohlgelaunt und gut aussehend wiedertraf. Auf die Frage, wo sie so lange gewesen sei, kam die promte Antwort „Urlaub“ mit dem Zusatz „fünf Wochen“. Reagierend auf mein erkennbares Erstauntsein ob der Länge ergänzte sie „Na ja, zwei Wochen Urlaub und drei Wochen Kur!“. Bevor ich mich nach der Maläse erkundigen konnte, die einen solchen, von der ursprünglichen Idee her zu verordnenden, wenn medizinisch zur Erhaltung und/oder Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit gebotenen Erholungsaufenthalt notwendig werden ließ, ergänzte sie freimütig „Das mache ich jedes Jahr.“.

Das erklärt dann auch, warum sie verräterischerweise zunächst nur von einem fünfwöchigen Urlaub gesprochen hatte. Sie hat gar nichts, verlängert aber Jahr für Jahr mit Hilfe gewissenloser und korrupter Ärzte sowie ebensolcher und zusätzlich nachlässig prüfender Krankenkassen ihre Absenz auf über das Doppelte. Offenbar vollkommen ohne Arg! Während also Freiberufler, Handwerker und Unternehmer ihre Krankheiten eher verschleppen als blauzumachen, hat diese Frau erkennbar überhaupt keine Probleme damit, die Solidargemeinschaft der Versicherten mit ergaunerten, von der Gesundheitsindustrie obendrein überteuert abgerechneten Ferien zu schädigen.

Nun könnte man einwenden, daß dieser eine Fall den Kohl doch nicht fett mache. Aber da fällt mir die Gymnasiallehrerin ein, die in ihrem jährlichen, eher belästigenden denn erheiternden Weihnachstbrief einmal schrieb, daß sie ohne die Kur, die sie im Anschluß an die langen Sommerferien am Anfang des neuen Schuljahres unter großzügiger Inkaufnahme ihres Ausfalles genommen – der Begriff ist schon vielsagend und bildet leider die Realität ab – habe, die Alpenüberquerung per pedes in den nachfolgenden Herbstferien wohl nicht geschafft hätte. Die Postbotin ist Legion und leider nicht die Ausnahme von der Regel. Unser Gesundheitssystem ein Selbstbedienungsladen für die, die skrupellos genug sind, sich dort gütlich zu tun.

Na, wenn es alle so handhaben, dann ist es doch gar nicht so schlimm! Man wäre ja blöd, würde man darauf verzichten, oder!?

An genau dieser Einstellung krankt unser Wohlstandsstaat, und der Redliche ist der Dumme. Sollte das filigrane Gebäude einmal einstürzen, wird es – da kann man sicher sein – von diesen ehrbaren Gaunern aber keiner gewesen sein wollen. Es ist wahrlich nicht immer leicht, unseren Staat weiterhin für einen der Besten unter den vielen Schlechten zu halten und hartnäckig zu verteidigen. Er könnte aber noch viel besser und gerechter sein, ließe er sich nicht so auf der Nase herumtanzen. Er müßte einfach nur wieder selber denken und handeln, statt sich von mächtigen Lobbygruppen blenden und zum Jagen tragen zu lassen. Der Mensch an sich wird sich nicht ändern, aber der Staat als in gewisser Weise entpersonalisiertes, eigenständiges Wesen, muß sich seiner erwehren und die ihm übertragene Verantwortung übernehmen und seriös und kraftvoll wahrnehmen. Mit Parlamentariern und Ministern wie den dreisten Gimpeln Pofalla und Laurenz Meyer, die sich neben vielen anderen auf Kosten der Bundestagsverwaltung in bester Raffke-Manier mit teuren Meisterstücken der Marke Montblanc eingedeckt haben, während sie selbst ihrem sehr eingeschränkten Vermögen entsprechend nur herumdilettierten und leider keineswegs Meisterstücke ablieferten, wird das allerdings nicht gelingen. Der Fisch stinkt eben immer auch vom Kopf. Klingt einfach, ist aber so!

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

3
1

wolfsgeheul.eu vom 26.10.2015

0
0

Meine Mutter, die, so Gott will, bald ihren neunzigsten Geburtstag begehen wird, hatte neulich einmal wieder Schmerzen im Nacken und Rücken sowie in den Schultern. Anläßlich eines turnusmäßigen Besuches bei ihrer Hausärztin kam auch das eher beiläufig zur Sprache, mit dem Ergebnis, daß sie unumwunden Massagen verschrieben bekam. Die ersten ihres Lebens! Und letzteres ist die Pointe dieser vermeintlich belanglosen Begebenheit.

Eine zweite ergibt sich aus der vollkommenen Fassungslosigkeit der noch recht jungen Physiotherapeutin, die bei der ersten Anwendung feststellen mußte, eine total unerfahrene und ungeübte Patientin vor sich zu haben. Es nicht für möglich haltend, daß es sich um eine Premiere handeln sollte, setzte sie nach und fragte ungläubig, ob meine Mutter denn nicht im Rahmen ihrer Kuren mit Massagen in Berührung gekommen sei. Die Antwort, daß noch nie ein Kuraufenthalt stattgefunden habe, zerstörte praktisch ihr Weltbild. Die Tatsache, daß sich der Vorgang im Osten Deutschlands, wo meine Eltern vor zehn Jahren hin verzogen sind, abgespielt hat, gibt der Geschichte eine zusätzliche Würze, da die Erfahrungen mit den Gepflogenheiten der westlichen Überflußgesellschaft erst ein Vierteljahrhundert alt sind.

Nun kann man einwenden, daß meine Mutter immer zu gesund war und damit das Glück hatte, die Segnungen des Wohlfahrtstaates nicht erfahren zu dürfen bzw. zu müssen. Jeder aber weiß aus eigener Erfahrung im Umfeld, daß relative Gesundheit noch nie ein Hinderungsgrund war, im kollusiven Zusammenwirken von Arzt, Krankenkasse und Patient ein paar physiotherapeutische Anwendungen oder gar eine Kur bewilligt zu bekommen oder, richtiger, zu ergattern. Spätestens das Alter brachte die Berechtigung und den Vollzug, obwohl dies in Bezug auf reine Erholungskuren besonders überrascht, da diese nach ursprünglichem Verständnis eigentlich in der Hauptsache das Ziel haben sollten, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen, was bei Pensionisten in der Regel nicht notwendig ist und deshalb nicht Aufgabe der Solidargemeinschaft sein sollte und müßte, sondern ein reines Privatvergnügen darstellt.

Wer also jetzt noch die Frage stellt, warum unser Gesundheitssystem finanziell aus allen Nähten platzt, braucht sich nur die Geschichte der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg in Erinnerung zu rufen, um zu erkennen, daß die meisten wie die Made im Speck gelebt haben und obendrein glaubten, das nicht nur verdient, sondern sogar ein Recht darauf zu haben.

Es ist diese zum wiederholten Male zu beklagende Sattheit der Menschen, die unser Volk so unbeweglich und uninteressiert gemacht hat. Eine Bevölkerung, die nicht nur duldet, daß Systeme mißbraucht werden, sondern selbst die gedanken- und gewissenlosen Plünderer stellt, hat den Boden unter den Füßen und ein gesundes Judiz und Wertegerüst verloren. Ohne einen solchen Kompaß aber irrt man ziel- und meinungslos durchs Leben, letztlich nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Anders ist die überwiegend passive Haltung der Gesellschaft zu allen wichtigen Fragen der Gegenwart und Zukunft nicht zu erklären.

Die große Aufgabe, vor der wir stehen, wird also sein, die genauso vollgefressenen wie gemäßteten, dickbäuchigen Deutschen wieder daran zu gewöhnen, daß das Fortkommen ihres Landes von ihrer aktiven und konstruktiven Teilhabe und -nahme abhängt und keiner das Recht hat, nur an sich selbst zu denken und das Maximale für sich herauszuholen. Ein solches Volk verliert nicht nur seinen Zusammenhalt, sondern auch seinen Sinn als solidarisch soziale Gemeinschaft.

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

0
0