wolfsgeheul.eu vom 20.09.2015

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Der Niederrhein, zur Zeit Tal der Tränen im Fußball, hat letzten Donnerstag auf anderem Gebiet wieder einmal im wahrsten Sinne des Wortes geglänzt. In der Reihe „Pioniere der Welt in Mönchengladbach“ war der 84-jährige Lichtkünstler und ZERO-Mitbegründer Heinz Mack auf Einladung des umtriebigen Initiativkreises, der es immer wieder schafft, weltbekannte Persönlichkeiten zu gewinnen, zu Gast. Es ist schon ein Phänomen, daß jedesmal fast 1000 Menschen sich bereitfinden, ein Ticket zu erwerben, um mehr als zwei Stunden einer Person gebannt zu lauschen.

Jeder, nicht nur der Kunstinteressierte, kennt ihn im Zweifel wegen seiner oft monströsen Skulpturen im öffentlichen Raum, die sehr stark von ihren Lichteffekten, insbesondere unter ausgeklügelter Beleuchtung während der Dunkelheit, leben und ihre Faszination verströmen, spektakulär zur Zeit mit neun rechteckigen goldenen – so Mack – „Säulen, die“ tempelruinengleich statt eines Daches „den Himmel tragen“, anläßlich der Biennale in Venedig und demnächst in Istanbul zu sehen. Und der Insider weiß, daß Mack, wie sein zeitweiliger Mitsteiter Uecker und andere seiner Generation, zu den Künstlern gehört, die von Beginn an auch den wirtschaftlichen Erfolg gesucht und – er fuhr schon in den Sechzigern den, nach eigenen Angaben, ersten schwarz/schwarzen Jaguar durch Düsseldorf – gefunden haben. Und jetzt in Macks letztem Lebensdrittel rückt er noch einmal verstärkt in den Fokus und erntet in einträglicher Weise vermehrt die Früchte seines Ruhmes.

Was für ein Mensch ist dieser Heinz Mack!

Klein aber mächtig von Statur mit einem großen Kopf zeigt er sich trotz des fortgeschrittenen Alters körperlich und geistig voll auf der Höhe. Während er in der Pressekonferenz noch grantelte – warum man ihn so kurz vor einem Vortrag, auf den er sich vorbereiten müsse, mit schwierigen Fragen traktiere, wurden wir anbeblafft -, war er auf der Bühne, wo er über eine Stunde lang seine Werke vorstellte und Anekdoten erzählte, souverän und überwiegend amüsant und charmant. Nur manchmal blitzten seine Streitlust, seine Ungeduld und sein Ärger über Imperfektion durch und ließen erkennen, daß Mack durchaus ein schwieriger und widersprüchlicher Zeitgenosse war und ist. Seine Aneinanderreihungen von Superlativen – der Erste, der Schwerste, der Höchste, der Längste etc. – verloren zudem zunehmend ihre beeindruckende Wirkung; im Saal wich das Staunen mehr und mehr einem Schmunzeln und später fast einem gelangweilten Seufzen. Erst die genauso kundige wie attraktive Tina Mendelsohn ließ den harten und forschen Mack dahinschmelzen, so daß es ihr in einem fast 60-minütigen Gespräch gelang, den immer noch angriffslustigen und gockeligen Tiger zu zähmen und ihm stille und nachdenkliche Statements zu entlocken. Da war er hin, der Drang zu „höher, schneller, weiter“, und es öffnete sich ein Blick auf den vielschichtigen, philosophierenden und durchaus auch zu Selbstzweifeln neigenden Feingeist.

Was waren die besonderen Momente dieses über alles spannenden und gelungenen Abends?

In Rage über die Graffitischmierereien auf seinen überwiegend ausreichend Fläche hergebenden Werken ließ er sich hinreißen, sie als eine „abartige Form der Kunst“ zu bezeichnen, wobei er allerdings gönnerhaft zugestand, es könnten sich „eventuell einige verlorene Talente“ unter den Tätern befinden. Später brüstete er sich vor Frau Mendelsohn dann damit, daß er im Bundestagswahlkampf 1957 mit Pinsel und schwarzer Farbe bewaffnet die CDU-Plakate von Adenauer – „Keine Experimente“ – bei Nacht und Nebel in Düsseldorf reihenweise durch Übermalen des „Keine“ in seinem Sinne verändert und der Polizei, die ihn dabei erwischte, entgegengehalten hat, er sei ein freier Mann in einem freien Land. Späte Einsicht war das nicht, und Nachsicht mit der heutigen Jugend scheint für ihn deshalb ebenfalls nicht angebracht.

Mack freute sich aber auch, genauso genüßlich wie demütig sein und das Künstlerleben an sich zu preisen, indem er postulierte „Kunst ist die höchste Form der persönlichen Freiheit“. Die nahm er sich auch, als er unter dem ungläubigen Lachen des Publikums erklärte, eine über vierzig Meter hohe Stele, die er im Auftrag der Daimler AG schuf, habe nur zufälligerweise „in der Draufsicht exakt den Querschnitt wie der Mercedes-Stern“.

Und auf die Frage, inwieweit für ihn als einem Angehörigen eines weißen Jahrgangs die zivilen Kriegserlebnisse prägend waren, wurde er sehr nachdenklich und offenbarte Jüngersche Züge, indem er seine Vorliebe für Licht sowohl auf dessen Abwesenheit in den Zeiten der Verdunklung und im Luftschutzkeller zurückführte, als auch auf die faszinierenden Lichtschauspiele durch die sogenannten Tannenbäume am Himmel und explodierende Granaten und Bomben, deren trauriges Ende aber leider und paradoxerweise immer die Zerstörung waren.

Daraus läßt sich viel über sein späteres Schaffen ableiten, insbesondere seinen ästhetisierenden Kern fern jedweder Provokation, geschweige denn politischer Aussage. Und die Sahara-Experimente mit auf großer Fläche filigran in den Sand geharkten Bildern, die schon Stunden später Opfer des Windes wurden, erscheinen in ihrer Vergänglichkeit auch durchaus sinnbildhaft.

Jedenfalls steckt hinter dem niemals verstörenden und meist das Auge fesselnden Werk erwartbar – normale und umgängliche Typen schaffen eher selten Außerordentliches – ein besonderer und interessanter Mensch. Das gezeigt zu haben, dafür gilt den Machern in Mönchengladbach und Tina Mendelsohn herzlicher Dank.

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

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